Gastbeitrag von #supergirl Michaela Neubauer
Chefredakteurin vom Magazin GESUND & LEBEN in Niederösterreich

„Ich krieg die Krise“ habe ich mir in den letzten anderthalb Monaten schon mehr als einmal gedacht. Und das in den unterschiedlichsten Situationen: Einmal, als ich in einer Nacht- und Nebelaktion die wichtigsten Utensilien aus meinem Büro zusammenpacken und auf Homeoffice umstellen musste. Ein anderes Mal, als ich trotz Kurzarbeit viele, viele Überstunden gemacht habe, da gerade meine Branche – der Journalismus – von aktuellen und relevanten Storys lebt. Doch etwas, das mich in den vergangenen Wochen besonders auf die Palme gebracht hat, war ein Telefonat mit meiner Großmutter. Ich hoffe, der letzte Satz nominiert mich nicht sofort als Unmensch des Jahrhunderts – an dieser Stelle sei gesagt, dass ich meine Ü80-Omi sehr lieb habe und es mir das Herz bricht, dass sie dieser Tage kaum Gesellschaft bekommt. Doch wer mich und mein ungezügeltes Temperament kennt, kann sich auch sicher sein, dass dieses vererbt ist. Und zwar von genau dieser resoluten 81-jährigen Frau. „Also ich sag’s dir“, rief sie tadelnd ins Telefon, „im Fernsehen erzählen sie, dass es Frauen gibt, die nach den paar Wochen schon gar nicht mehr wissen, wie sie zuhause ihre Kinder beschäftigen sollen! Was glauben die denn, wie es mir damals gegangen ist, mit fünf Kindern? Mit fünf!“ Ach Omi, dachte ich mir, und beendete das Gespräch mit ein paar netten Worten. Denn eines steht fest: Zeiten wie diese sind nicht die optimale Gelegenheit für einen Generationenkonflikt.


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Trotzdem machte mir gerade dieses Telefonat wieder einmal deutlich, WIE groß die Verständniskluft zwischen Jung und Alt wirklich ist. Denn natürlich: Mutter sein ist ohne Zweifel, und da gibt es gar keine Diskussion, ein Vollzeitjob. Und dann auch noch fünffache Mutter. Dafür, dass meine Oma diese Aufgabe so bravourös gemeistert hat, hat sie meinen vollen Respekt. Trotzdem gibt es da ein paar Unterschiede zur heutigen Zeit und vor allem zur Corona-Krise. Denn meine Oma wusste fünf kleine Kinder zwar bis zu einem gewissen Alter ganztägig zu beschäftigen ABER dafür war da auch ihr Ehemann, der bis abends gearbeitet und die Kohle nachhause gebracht hat. „Homeschooling“ stand damals nicht an der Tagesordnung und ich glaube, es hätte sie auch eher weniger amüsiert, mit fünf Kindern fünf verschiedener Klassen gleichzeitig lernen zu müssen. Wie wäre das überhaupt abgelaufen, wenn die übereifrigen Lehrer keine Möglichkeit gehabt hätten, zehn E-Mails pro Tag zu senden? Hätten sie dann täglich Briefe geschickt? Oder einen Boten? Damit aber nicht genug: Was, wenn es nicht gereicht hätte, zuhause Professorin zu spielen, weil da noch ein eigener Job gewartet hätte? Denn vor diesem Problem stehen gerade Frauen – und zwar nicht nur hier in Wien oder Österreich – sondern auf der ganzen Welt. Und ja, natürlich wird von uns erwartet, jetzt trotzdem noch froh und dankbar zu sein, weil wir gesund sind und endlich mehr Zeit miteinander verbringen dürfen. Aber ganz ehrlich: Es ist auch okay, wenn wir das nicht sind.

“Ich stelle jetzt mal ganz frech eine Behauptung auf: Noch nie, und zwar wirklich nie in der Geschichte der Menschheit wurde von uns Frauen so viel erwartet wie heute.”

Ich stelle jetzt mal ganz frech eine Behauptung auf: Noch nie, und zwar wirklich nie in der Geschichte der Menschheit wurde von uns Frauen so viel erwartet wie heute. Ja, es wurde von uns erwartet, Ehefrau und Mutter zu sein, optisch etwas herzumachen, uns um die älteren und schwächeren Familienmitglieder zu kümmern – das war immer schon so und wird sich vermutlich, zumindest so lange wir leben, kaum ändern. Doch die Begriffe „Bossbabe“ und „CEO“ und „Powerfrau“ – die sind relativ neu. Denn jetzt müssen wir zwar trotzdem noch unseren Partner oder unsere Partnerin bei Laune halten, dabei nicht wie der letzte Mensch aussehen, den Hund Gassi führen und dafür sorgen, dass sich die Kinder nicht die Köpfe einschlagen und ihnen gleichzeitig während Corona so viel beibringen, dass ein Nobelpreis nicht ausgeschlossen ist. Gleichzeitig muss natürlich irgendjemand die Wäsche machen und kochen (aber heute ist mit einem Schmalzbrot halt keiner mehr zufrieden. Da muss es schon vegan und Keto sein und vor Ballaststoffen nur so strotzen). Kurz gesagt: Wir müssen nach wie vor den gleichen Scheiß machen wie früher, aber gleichzeitig noch unseren Vollzeitjob in gleicher Effizienz in Kurzarbeit verpacken, Skype-Meetings beiwohnen, brainstormen, Konzepte entwickeln und den nächsten Morgen voll Tatendrang nicht mehr erwarten können. Okay. Passt ja alles, nichts womit wir nicht umgehen könnten, oder? Aber wenn man sich dann auf sozialen Netzwerken à la Instagram herumtreibt, zeigt sich, dass das immer noch nicht genug ist. Denn wir müssen die häusliche Isolation jetzt ja auch für die Selbstoptimierung nutzen und „better than ever“ aus der Krise herausgehen. Wir müssen endlich unsere Ernährung umstellen, morgens meditieren und abends ein Homeworkout absolvieren, endlich beginnen, eine neue Fremdsprache zu lernen und Selbstfindungsbücher nur so verschlingen. Denn sonst könnte das Unfassbare und absolut Worst-Case-Szenario eintreten: Wir könnten die Krise einfach nur überleben.

Vermutlich bin ich eine der Wenigen, die es dieser Tage noch relativ gut getroffen haben: verheiratet aber kinderlos (interessanterweise habe ich von all jenen Freunden mit Kindern, die mich normalerweise fast wöchentlich fragen, wann ich denn bereit bin, mich fortzupflanzen, schon länger nichts mehr diesbezüglich gehört). Trotzdem habe ich in den letzten Wochen einige Dinge festgestellt, die mir den Alltag in Quarantäne enorm erleichtern:

  1. Gesunde Ernährung ist gut aber die Schoko-Osterhasen von Lindt sind besser.
  2. Wer braucht bitte einen Beach-Body, wenn der Badeurlaub sowieso ins Wasser fällt?
  3. Es reicht völlig aus, ein Kapitel pro Woche zu lesen, anstatt ein Buch pro Tag.
  4. Die Zeit ist scheiße genug. Machen wir sie bitte nicht noch beschissener.


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“Und wenn wir die Quarantäne dazu nutzen möchten, sie im Pyjama mit ungewaschenen Haaren und einem Glas Wein auf der Couch zu verbringen, dann sei uns das bitte vergönnt.”

Was ich damit sagen will: Natürlich ist es toll, sich jetzt nicht gehen zu lassen und die Zeit für Dinge zu nutzen, die wir sonst immer vor uns herschieben. Aber wenn wir ehrlich sind, haben wir gar nicht so viel mehr Zeit als sonst. Wir verbringen sie nur in einer anderen Umgebung. Am Ende des Tages ist es eine Ausnahmesituation, die zwar nicht mit einem Krieg oder einer anderen Katastrophe zu vergleichen ist, uns aber dennoch sehr fordert. Und: Es ist eine Zeit, die vorbei gehen wird. Und wenn wir es manchmal nicht erwarten können, dass sich Kind und Kegel halbtags wieder wo anders austoben, dann möge man uns bitte nicht steinigen. Und wenn wir die Quarantäne dazu nutzen möchten, sie im Pyjama mit ungewaschenen Haaren und einem Glas Wein auf der Couch zu verbringen, dann sei uns das bitte vergönnt.

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Schaut doch auf ihrem Blog “TeeGeflüster” vorbei 🙂